ICH BIN 150 MEILEN DURCH DIE WÜSTE GERANNT

Wie der Marathon des Sables das Leben von Everleaf-Gründer Paul Mathew verändert hat

Paul Mathew
© Getty, Valerie Lim


Auf halber Strecke begann ich zu halluzinieren. Der Marathon des Sables führt mitten durch die Sahara und dauert sechs Tage lang. Oftmals ist man ganz allein. Irgendwann sieht man Fata Morganas. Wenn man eine flache Stelle in der Wüste erreicht und die Sonne scheint, beginnt es zu schimmern – wie eine Pfütze silbrigen Wassers auf der Sonnenoberfläche. Man glaubt wirklich, in weiter Ferne befände sich ein See. Ich denke, das liegt daran, dass man mitten in der unerbittlich heißen Wüste nichts lieber sehen würde als einen See. Auch nachts halluziniert man. Ich glaube am vierten Tag läuft man insgesamt ungefähr 50 Meilen. Man kommt erst im Dunkeln an. Man läuft mit Stirnlampe und plötzlich kommt es einem so vor, als würde sich der Fels unter den Füßen irgendwie verändern. Ich dachte, ich würde durch eine große Menge Tiere laufen.

Ich hätte vielleicht etwas mehr mentales Training machen sollen, um mich in dieser Hinsicht besser abzuhärten. Ich habe schon viele Sololäufe absolviert, aber vielleicht waren es doch nicht genügend. Doch es ist interessant: Man ist mit solch schwierigen Dingen wie Halluzinationen konfrontiert, in anderer Hinsicht ist es aber weniger hart als ein konventionelles Rennen, weil unterwegs so viel passiert. Man macht sich Gedanken über die Logistik, wie weit es bis zum nächsten Checkpoint ist, ob man genug zu essen und trinken hat, wann man am besten geht und wann man läuft, oder wann das nächste Dorf oder die nächste Düne kommt. All diese Gedanken lenken einen ab von den körperlichen Schmerzen und den harten Bedingungen.

Natürlich muss man auch gut trainiert sein. Vor allem muss man sich daran gewöhnen, mit einem Rucksack zu laufen. Man muss in der Lage sein, sehr lange mit 13 Kilo Gewicht auf dem Rücken zu laufen. Ich habe trainiert, indem ich an zwei aufeinanderfolgenden Marathons teilgenommen habe. Ein Rennen am Samstag und dann ein weiteres in der Nähe am Sonntag. Zudem habe ich viel an der Rudermaschine und mit Gewichten trainiert. Dabei habe ich mich natürlich auch oft verletzt.

Paul Mathew

Von dem Rennen habe ich erst zwei Jahre vor meiner Teilnahme in Marokko gehört. Ich war auf der Suche nach einer neuen sportlichen Perspektive. Als ich jünger war, war ich Wettkampfruderer, aber damit hatte ich abgeschlossen. Ich fing mit dem Laufen an, merkte aber schnell, dass ich bei einem normalen Marathon niemals vorne mit dabei sein würde, also suchte ich nach einer neuen Herausforderung.

Am Vortag des Rennens werden alle 1000 Teilnehmer an eine besonders trockene Stelle mitten in der Wüste transportiert. Dort übernachtet man in offenen Zelten, die in einem riesigen Kreis im Sand aufgestellt sind. Sie verfügen über sechs Schlafplätze und man läuft herum, unterhält sich mit den Leuten und schaut, mit wem man ein Zelt teilen möchte. Dann hat man Zeit, um die Gegend ein wenig zu erkunden: In der einen Richtung gab es felsige Klippen und in der anderen Dünen. Ich habe mir die Umgebung angeschaut und was dort so wächst. Mich fasziniert das Verhältnis von Pflanzen und Lebensraum und wie Menschen dort hineinpassen. Für mich war das ganze Gebiet ein unglaublich vielfältiges Mosaik, das es zu untersuchen galt. Aber dann ging das Rennen los.

Um sechs oder sieben Uhr fangen die Organisatoren damit an, die Zelte abzubauen. Man wacht vor Kälte zitternd auf und fragt sich, welches Körperteil heute wohl am meisten schmerzen wird. Dann gibt‘s Frühstück: Ich rührte Haferflocken, Milchpulver und einen Teil meiner Wasserration zusammen, erhitzte die Mischung über einem Feuer und stopfte sie so schnell wie möglich in mich hinein. Dann kümmerte ich mich unter Zuhilfenahme verschiedener Pflaster und Polster um meine Blasen, packte meinen Rucksack und stellte mich an der Startlinie an. Der Rennleiter hielt eine kurze motivierende Ansprache und dann hieß es: „Los geht‘s!“. Wir hatten alle die Route studiert, um den besten Weg zum nächsten Checkpoint herauszufinden. Die erste halbe Stunde oder so ist immer qualvoll, weil sich die Blasen und Schmerzpunkte vom Vortag lautstark bemerkbar machen. Aber dann gewöhnt sich der Körper daran und man läuft einfach immer weiter. Es war immer total spannend. Jeder Tag ein neues Abenteuer. Ich liebte es, durch die Dörfer zu laufen – spannend, was es da zu entdecken gab.

Bei dem Rennen sind wirkliche Charaktertypen mit dabei. Viele verschiedene Nationalitäten. Äußerst motivierte Sportler natürlich, aber ich erinnere mich auch an einen Nachtclubbesitzer aus Brighton, der an den Start gegangen war, weil er sich unfit fühlte und in seinem Leben mehr Fokus brauchte. Im Verlauf dieser sechs Tage gab es viele interessante Gespräche. Auch nach 16 Jahren bedeutet mit die Erinnerung daran sehr viel.

Paul Mathew


Das Rennen hat mich auf jeden Fall verändert. Es war eine dieser Situationen, wo man sich einfach mal anmeldet, ohne zu wissen, ob man überhaupt in der Lage ist, es zu schaffen. Eine riesige Herausforderung – wenn man es dann geschafft hat, weiß man, dass man etwas ziemlich Unglaubliches bewältigen kann. Ich denke, dass wir alle dazu neigen, unsere Fähigkeiten zu unterschätzen, insbesondere was die Arbeit betrifft. Man hat das Unüberwindbare vor Augen, vielleicht sogar das Unmögliche, und sollte es trotzdem einfach versuchen – ob privat oder bei der Arbeit. Das Rennen hat mir die Gewissheit gegeben, dass ich mich immer weiter vorantreiben kann, dass ich zu mehr in der Lage bin und dass ich es auf eigene Faust schaffe. Ich bin froh, es gemacht zu haben.

Paul Mathew



5 Lektionen aus dem Marathon des Sables

1. Urlaub kann alles sein, das einen raus aus dem Alltag bringt. Ich habe mich noch nie so erholt gefühlt wie nach sechs Marathons innerhalb von sieben Tagen.

2. Wenn man sich eine Woche lang nicht ordentlich gewaschen hat, geht nichts über eine Hoteldusche.

3. Ich habe gelernt, dass leichtes und durchdachtes Gepäck eine Kunstform ist – und extrem befreiend. Alles benötigt einen Zweck und einen speziellen Platz.

4. Wüsten sind wunderschön, abwechslungsreich, herausfordernd und lebendiger, als man meint.

5. Oh, und Fata Morganas gibt es wirklich!

Reviews

We would love to hear from you.